Highgrades - doch keine Highgrader

Im Land mit der wohl höchsten Zahl guter Pfeifenmacher werkeln praktisch keine unbestrittenen Highgrader - auch Castello, Baldi und Amorelli werden kontrovers diskutiert. Dafür finden wir recht zahlreich Hersteller, die aus der gehobenen Mittelklasse heraus gelegentlich ein Top-Stück schnitzen - es sich nur nicht zur Gewohnheit werden lassen. Mastro, Ser Jacopo, Cavicchi und Moretti sind willkürlich gegriffene Fälle. Spanu, zum Beispiel, kann's auch. Es gibt also durchaus italienische Highgrade-Pfeifen - nur kaum eingefleischte Highgrade-Hersteller. Die nötige Konsistenz für den Dauerauftritt in der Spitzenklasse liegt wohl nur wenigen.

Das lädt zur Frage ein, ob das Gütesiegel 'Highgrade' überhaupt geeignet ist, dem italienischen Verständnis von Pipenkunst gerecht zu werden. Dies verneinen zum Beispiel viele Sammler, die in Italien selbst leben. Sie sehen keinen Sinn darin, einem feurigen oder verträumten 'Künstler' die Zügel technischer Perfektion und strenger Eigenständigkeit anzulegen. Kreativität ist 'irgendwie', nicht genau, und gradierbar sowieso nicht.

Eifrig beeilen sich im Gegenzug die Exporteure, auf Namen wie Le Nuvole und Baldi zu verweisen: Seien dies keine Highgrades? Nicht individuell? Nicht schön? Nicht traumhaft gemasert? Nicht fast immer millimeterpräzis? Was wolle man eigentlich mehr?

Doch hochmütig schütteln die Dänen-Fans hier den Kopf. Auf sie wirkt es, als litten alle Italiener an Konzentrationsschwäche. Eine, zwei, höchstens drei Stunden Arbeit pro Pfeife? Mehr sitzt wohl bei der Hitze im Süden nicht drin. Und die Form pro Woche ein Dutzend Mal reproduziert? Das ist doch so wenig Kunst wie die Frisur! Von fehlender rauchtechnischer Finesse ganz zu schweigen.

Lässt man indes Klischees vom lateinischen Temperament beiseite, entpuppt sich die Haltung vieler italienischen Carver als reinster Marktpragmatismus. Den Künstlertitel beansprucht man nur zu Werbezwecken. Und hinter vorgehaltener Hand gibt man zu: Pfeifen sind Gebrauchgegenstände, nicht für die Uffizien konzipiert, einer witzig geschnittenen Lederjacke eher vergleichbar als einer Plastik - und schon gar keine Präzisionsgeräte. So sieht's die Mehrzahl der Raucher, und als Macher ist man schließlich nur Handwerker. Der Kunde bekommt, was er verlangt und wofür er bezahlt. Dass eine demgemäß eingegrenzte Leistung dennoch mit Stolz und Schaffensfreude erbracht wird, versteht sich von selbst.

Dieser Umstand ist Rauchern, die nicht wirklich sammeln, auch zu gönnen. Schöne, erschwingliche, zuweilen bemerkenswerte Pfeifen kommen aus Italien zuhauf - rauch-ergonomisch und ästhetisch bestens für den gediegenen Tabakgenuss geeignet. Damit füllt man, ohne eine Hypothek aufzunehmen, über die Jahre seine Ständer und Schränke. Claudio Cavicchi müsste mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wollte er blühende Geschäfte im oberen Mittelfeld gegen ein frommes Streben nach nordeuropäischer Erleuchtung eintauschen. "In der Mitte lebt sich's gut", sagte mir einmal ein amerikanischer Schnitzer. "Man macht Pfeifen, verdient Geld und kann viel angeln gehen." Dagegen liegen Highgrader stets mit halbem Oberkörper auf dem Obduktionstisch.

Dennoch lässt sich bedauern, dass Macher wie Cavicchi und Biagini so vergleichsweise selten zur Höchstform auflaufen. Denn wenn sie's tun, entfacht sich ein Feuerwerk aus Kreativität und technischer Virtuosität. Dann gibt's die Hallo-Maserung auf der Ausnahmepfeife - Anstürme auf die Meisterschaft, die anämische Begriffe wie 'Highgrade' vergessen lassen. Die Originalität findet sich selbsredend ein und auch die Disziplin. Und so stellt sich die Frage nach dem tatsächlichen Entwicklungspotenzial mancher Italiener - bei höher gesteckten Zielen. Es kommt doch vielfach nur auf den Modus an, den ein wirklich guter Schnitzer für sich wählt. Will er Masse oder Klasse?

Deshalb darf man trotz allem spekulieren, ob nicht auch Italiener in das Vakuum stoßen werden, das die alternden dänischen Meister demnächst hinterlassen. Wollte es einer der vorhandenen Carver versuchen, wäre freilich ein radikales Umdenken in der Geschäftspolitik vonnöten. Ein bisschen high, ein bisschen low und ein bisschen mittendrin... das ist eine Strategie, die den Ruf verwässert, den Wert mindert und den - ganz verschämt investitionsbewussten - Highgrade-Sammler nur verscheucht. Man darf gespannt sein, wen diese Erkenntnis in Italien schert.


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