Why buy them?

Wozu Amerikaner kaufen? Es gibt doch genügend tüchtige Deutsche, jenseits der nördlichen Grenze noch mehr stumm-geniale Dänen und irgendwo hinter dem Gotthard ganze Heerscharen fleißiger Italiener. Überdies: Es gibt sie fast alle auch hierzulande im Laden zu bestaunen, zu begrabschen, zu vergleichen und mit zerknüllten Scheinen zu bezahlen.

Dagegen bieten amerikanische Schnitzer: schnöde Pixelbilder statt lebender Beispiele, Ärger mit dem Zoll, Fantasiepreise für brauchbare Maserung, Warteschlangen wie bei Bo Nordh, haufenweise Plagiat, Kopfgrößen im Litermaß... und, wenngleich nur ganz-ganz-ganz gelegentlich, die innovativsten Formen auf dem heutigen Markt. Naja... von Kent Rasmussen und Cornelius Mänz einmal abgesehen.

 

Ligne Bretagne von Trever Talbert

 

Nach Ansicht des belgischen Sammlers Erwin Van Hove, einer der wenigen Europäer mit extensiver US-Erfahrung in Sachen Pfeife, zählen dennoch nur wenige Amerikaner zur wirklichen internationalen Spitze. Darunter sind natürlich Larry Roush und Trever Talbert zu nennen. Eigene Sprachen sprechen aber auch Rolando Negoita, Lee Von Erck und Walt Cannoy. "Ihre Kreativität berechtigt durchaus zum Highgrade-Etikett", so Van Hove.

Daneben gibt es die Riege der Perfektionisten - sie zeichnen sich durch technische Hypersorgfalt aus, haben indes die gestalterische Emanzipation vom dänisch-deutschen Vorbild noch nicht wirklich vollzogen. Ich zähle dazu selbst so gefeierte Gestalten wie Jody Davis und Todd Johnson. Hingucken lohnt sich.... kaufen vielleicht später.

Aus finanziellen Gründen ist der amerikanische Mittelbau eigentlich nur für wirklich neugierige Europäer zwingend. Pfeifenmacher wie Bonaquisti, Tinsky und Wiley decken mit gut gemachten und sehr rauchbaren Produkten bei sich daheim jenen Markt ab, der hierzulande Italienern wie Viprati und Dänen wie Karl Eric und Winslow (in dessen unteren Stufen) gehört. Da die Amerikaner für uns oft teurer als die Altweltler ausfallen, ist in dieser Preislage kaum mit einer Invasion zu rechnen. Festzustellen bleibt aber, dass auch der anspruchsvolle 'Durchschnittsraucher' in den USA seine Ständer aus einheimischer Produktion füllen kann.

Die untere Stufe amerikanischer Pfeifen heißt Grabow - vielen Rauchern ein Synonym für Strandholz, ebenso vielen eine glühende Fackel des Anti-Snobbismus. Laut Richard Hacker verlässt jährlich eine Million Exemplare die Fließbänder dieser Fabrik. Die Schränke der Sammler erreichen sie allerdings selten.

Ein großes Problem amerikanischer Pfeifenmacher ist die Verfügbarkeit guten Rohstoffes. Beschaffungsreisen ans Mittelmeer verbieten sich meist aus finanziellen Gründen, und so sind die Schnitzer von Kalifornien bis Kanada überwiegend auf Importdeals angewiesen, die nicht immer optimale Holzqualität liefern. Folglich ist der Ausschuss hoch und mit ihm das Quantum vergeudeter Arbeitszeit. Auch dies ist ein Grund der manchmal monierten hohen Preise der US-Carver.

Überhaupt sind Preise ein leidiges Thema. Nur bei wenigen amerikanischen High-Gradern (etwa Talbert) stehen sie in gesunder Relation zum internationalen Stellenwert. Mitunter scheint ein überzogenes Selbstwertgefühl zu herrschen, soll man für die offenkundige US-Kopie eines Dänen glatt mehr berappen als für den Meister selbst. Und selbst Roush - ein unbestritten eigenständiger Könner - befindet sich aus europäischer Sicht preislich nahe der Grenze zum Bodenverlust. Eine Gestrahlte von Larry kostete im Herbst 2003 meist $495... solche Zahlen wagen nur wenige Dänen.

Dass sich aber kein Amerikaner beim Vertrieb an Europa ausrichtet, wird angesichts des erschöpfenden Absatzes im eigenen Lande verständlich. Weder japanische noch hiesige Kunden haben für den US-Markt eine große Bedeutung. Und im Lande der unbegrenzten Importgewinne wirken die Forderungen einheimischer Jungcarver übrigens nicht frech, sondern oft geradezu bescheiden. Ein ausgefallenes Unikat für den Zweidrittelpreis einer Castello? Klingt mehr als fair, kommt allerdings darauf an, wo man den Preis der Castello anzusiedeln gelernt hat.

Im Übrigen sind auch kulturelle Unterschiede zu bedenken. Der berühmte amerikanische Jugendkult verlangt eben keinen jahrelangen, steinigen Weg zum Spitzenpreis. Das Sandstrahlen wird - viel mehr als bei uns - als eigenständiges Stilelement begriffen, weniger als wertsenkende Notmaßnahme. Und immer wieder treibt auch das Prinzip Hoffnung seine Blüten - Investitionen mit Risikokapital. $435 für den Ivarsson von morgen? Ist doch kein Geld, oder? Und gegen den Crash gibt's das kurze Gedächtnis.


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