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Vorlagen fehlen fast gänzlich

Ist "Der Herr der Ringe" auch Bibel und fast schon Legitimation vieler, vor allem jüngerer Pfeifenfreunde, so sind konkrete Hinweise auf Pfeifen und ihre Gestalt nur mühselig dem Text zu entnehmen. Es ist weit öfter vom Tabak und dem Verlangen danach die Rede als vom Rauchgerät selbst. Daran erkennen wir zwar, dass J.R.R. Tolkien eine lebhafte Vorstellung von Sucht und Entzug besaß. Doch leider fehlt jeglicher Pfeifenfetischismus im engeren Sinne.

 
  Keine Design-Anleitung enthalten!

Wen wundert das eigentlich? Tolkien (der zeitweilig übrigens auch Zigaretten rauchte) lebte zu einer Zeit, als die Pipe ihrem Besitzer eher Selbstverständlichkeit war. Warum sollte er den Pfeifen also mehr Aufmerksamkeit widmen als den Trinkgefäßen oder Möbelstücken? Nun, das tut er auch nicht. Versäumt er es schon oftmals gar, die Kleidung seiner Akteure zu beschreiben, so enttäuscht er auch die geschäftstüchtigen Pfeifenproduzenten heutiger Zeit mit einem dichten Mangel an Design-Vorgaben. Kurzum: Die ultimative Gandalf-Pfeife kann es eigentlich ebenso wenig geben wie ein Galadriel-Abendkleid von C&A (jenes aber schon eher).

Gleichwohl geben sich Hersteller wie Vauen und einige Einzelschnitzer nicht entmutigt, und so beglücken sie uns - ziemlich einheitlich - mit hölzernen Nachbauten des vermeintlichen Tolkien-Stils. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass selbige samt und sonders bei Ebay landen, reißt die dortige Runen-Holzflut seit Monaten nicht ab. Doch bleiben offenbar genügend Exemplare für konventionelle Händler übrig, wo sie pünktlich zum dritten Filmstart erneut Winslow und Stanwell aus den Schaufenstern verdrängen.

"Das ist etwas für die Jugend!" frohlockt ein Berliner Ladenbetreiber und träumt wohl schon vom nächsten Pfeifenboom. Ein rheinischer Verkäufer lässt die Euphorie hingegen lieber zuhause und murmelt etwas vom "größten Mist meiner Pfeifenlaufbahn". Doch will auch er das Geschäft lieber nicht auslassen: "Die Leute verlangen die Dinger halt wirklich. Glaubste das?"

Gegen die Beweislast geschnitzt

Dabei dürften die Stücke aus Nürnberg und anderswo eigentlich nicht einmal als Impressionen firmieren. Mangels einer wirklichen Vorlage in Wort oder Bild liegt diesen länglichen Konstrukten allenfalls Projektion zugrunde, bei näherer Betrachtung zudem ziemlich wirre. Die Anlehnung vermeintlicher Tolkien-Formen an die europäischen Tonpfeifen des 17. und 18.Jahrhunderts schafft ein epochen-vermanschendes Kuddelmuddel, an dem Tolkien freilich selbst die Urschuld trägt. Der reale Tabakgenuss gehört nun einmal in die Neuzeit, während Aragorn und Gandalf in einem umgedichteten und verklärten Mittelalter beheimatet sind. Aus neuer oder alter Realität lässt sich also keine Pfeifenform für Gandalf ableiten. Eine Churchwarden aus Ton passt so wenig wie eine Systempfeife aus Plastik , sagt der Pingelige nun - und hat Recht, der Pedant!

So viel zum Stil, für den die literarischen Anhaltspunkte so gut wie gänzlich fehlen. Doch auch mit der scheinbar obligatorischen Länge aller Tolkien-Pfeifen ist es eine vertrackte Sache. Von den wenigen, vage beschriebenen Rauchkolben in Tolkiens Werk sind nur zwei ausdrücklich als lang bezeichnet, wovon wir eine wiederum wohl vernachlässigen dürfen: Die gigantische Pfeife, die Bilbo zu Anfang des 'Kleinen Hobbit' pafft, kann getrost als Guck-hin-Effekt für das kindliche Zielpublikum gewertet werden. Nähme man sie dennoch buchstäblich, müsste ein Nachbau mindestens Meterlänge aufweisen. Die einzige seriöse Erwähnung einer längeren Pfeife finden wir daher im ersten Band der adulten Trilogie, genauer gesagt in Bree und im Besitz des seltsamen Aragorn. Allein die Tatsache, dass ihr langes, geschnitztes Mundstück dem Hobbit Frodo ins Auge sticht, lässt dann schon schließen, dass solche Länge kein uniformes Merkmal mittelirdischer Pipen gewesen sein kann.

Die Wahrheit ist kurz - und vor allem knapp

Treiben wir diese kaltherzige Textexegese weiter, so scheinen es zumindest die Hobbits eher mit kurzen und praktischen Pfeifen gehabt zu haben. In den Ruinen Isengards zieht Pippin zum Rauchen einen Brustbeutel hervor. Darin befindet sich sowohl seine eigene Pipe als auch ein unbenutztes Ersatzstück, das er dem Zwergen Gimli schenkt. Letzteres wird als klein beschrieben, mit einem breiten und abgeflachten Kopf. Viel länger kann aber auch Pippins Hauptpfeife nicht sein, finden doch beide unter dem Hemd des Jünglings Platz. Bedenkt man außerdem die Strapazen und Gewalt der vorhergehenden Kapitel, so hätte auch keine längere Pfeife den Weg bis Isengard überstanden. Marktübliche LOTR-Modelle wären höchstwahrscheinlich schon lange zu Bruch gegangen (eine Wertung dieser Perspektive verkneift sich der Autor).

Und dann verließen sie ihn auch schon. Nur noch einmal, gegen Ende des dritten Bandes, gilt den Pfeifen mehr als eine ultra-flüchtige Erwähnung. Zum Abschied schenkt Bilbo den jüngeren Hobbits jeweils eine Pfeife aus Elbenhand, silberbeschlagen und mit Perlenbiss. Da auch hier nähere Angaben fehlen, stelle man sich getrost zwei aufgemotzte Spigots von Becker & Musico vor. Was hindert uns daran, Pippin und Merry etwas Anständiges zu gönnen? Ob Bilbo die Pfeifen vor dem Verschenken geraucht hat, mit welchem Blend er sie möglicherweise prägte und wie der spätere Tabakchronist Merry dessen Geister vielleicht vertrieb (Salz und Alkohol?), ist leider nicht überliefert.

 
 

(4. Dezember 2003)

     

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