Dänemark

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Back to the Wurzelholz

Es weht eine Brise im Pfeifenland - eigentlicher: ein frischer, alter Wind. Immer mehr Sammler wollen das Abenteuer der skandinavischen Pfeife ab 1950 für sich noch einmal erleben und suchen bewusst die Werke nicht mehr aktiver Carver. Der Trend hat schon fast Endzeit-Charakter: Während die Zahl der wirklich jungen Pfeifenmacher in Dänemark langsam gegen Null konvergiert, schaut die Sammlerszene plötzlich sehnsüchtig auf den Anfang zurück.

Der auf skandinavische Highgrades spezialisierte Online-Händler Per Billhäll (http://www.scandpipes.com/) konstatiert eine regelrechte Renaissance: "Insbesondere steigen Interesse und Nachfrage an der Arbeit von Sixten Ivarsson. Die Tatsache, dass keine weiteren Pfeifen solcher Macher produziert werden, macht sie für Sammler natürlich begehrenswert."

Der bekannte deutsche Sammler Jörg Lehmann vermutet eine andere Erklärung: "Es gibt sicher eine Renaissance für Marken und Macher, die nicht mehr am Leben oder nicht mehr aktiv sind. Ich bin mir aber hier über Ursache und Wirkung nicht im klaren - es scheint so zu sein, dass, aus einfach 'biologischen' Gründen derzeit Nachlässe aufgelöst werden, die relativ viele dieser alten Stücke enthalten. In Skandinavien gibt es häufig regelrechte Pfeifenauktionen, in denen komplette Nachlässe angeboten werden. Mir sind Sammlungen zu Gesicht gekommen, die beispielsweise aus 15 Sixten-Pfeifen oder 40 ungerauchten Bangs aus der Zeit vor Hansen/Noltensmeier bestanden. Diese Pfeifen werden dann disloziert und erscheinen in kleineren Posten in allen möglichen On-line-Pfeifenshops. Dies mag eine Renaissance auch vortäuschen. Ähnliches gilt prinzipiell auch für Dunhill-Sammlungen."

Eine Frage an Jörg Lehmann: Worin liegt für dich der Reiz, solche Pfeifen zu sammeln?

Jörg Lehmann: "Ich bin sehr daran interessiert zu sehen, wie die 'alten Meister', oftmals mit sehr einfachen Mitteln, Pfeifen von großer Funktionalität, Präzision und Schönheit geschaffen haben. Es ist faszinierend zu sehen, welche Stilelemente, die wir heute als 'modern' begreifen, eigentlich schon über 50 Jahre alt sind. Wenn heute Bambus und Horn oder ähnliches als gestalterisches Element verstanden werden, waren es in den Anfangszeiten von Sixten Ivarsson einfach Sparzwänge, die zu derartigen Lösungen führten."

Schaut man sich den Estate-Markt an, so scheint Chonowitsch-Vater Emil derzeit nahe dran, seinen Sohn Jess nachträglich in der Sammlergunst zu überflügeln. Oder ist das zu plakativ ausgedrückt?

Per Billhäll: "Ich sehe die Tendenz nicht so. Ich glaube, dass die Pfeifen von Jess immer noch viel beliebter sind."

Jörg Lehmann: "Dieser Vergleich ist ziemlich spannend. Zunächst hat ja die Pfeifenmacherlaufbahn von Emil und Jess C. etwa zur gleichen Zeit und am gleichen Ort bei Poul Rasmussen begonnen. Streng genommen war aber Emil kein Freehänder im engeren Sinne, vielmehr hat er eine Serie von circa zehn bis zwölf Standard-Formen aufgelegt, schöne und solide Pfeifen, die zu recht moderaten Preisen verkauft wurden und dementsprechend auch in recht großer Zahl vorhanden sind. Dass Pfeifen von Emil C.jetzt verstärkt auftreten, erklärt sich aus den Gründen, die ich für die gesamte Renaissance genannt habe.

Bei Jess hingegen handelt es sich um einen 'echten' Freehänder. Schon sehr frühzeitig aber war bei ihm eine 'artifizielle Rarefizierung' zu beobachten, sehr zeitig wurde die Meinung lanciert, seine Pfeifen wären schon über Jahre hinweg ausverkauft. Jess betreibt auch eine eigenartige Vertriebspolitik, beziehungsweise läßt er eine solche mit sich betreiben. Weltweit gibt es nur zwei offizielle Händler, einen in der Schweiz, eine weiteren in den USA. Letzterer ist international wegen seiner allgemeinen Preisgestaltung in der Kritik. Der Schweizer Händler bietet momentan 29 Jess-Pfeifen allein auf seiner Internet-Seite an - Preis auf Anfrage [Stand: 22.10.03]. Selten sind die Pfeifen also nicht wirklich. Hier wurde meiner Ansicht nach ein Nimbus geschaffen, der nur teilweise einen Realitätsbezug hat. Gerade in den USA genießt Jess C. ein gigantisches Ansehen.

Ich glaube, dass viele Pfeifenfreunde gern eine 'Chonowitsch' besitzen möchten und es vielen eigentlich egal ist, ob von Emil oder Jess. Dass sie, vom Preis ganz zu schweigen, bezüglich Verarbeitungsqualität und Raucheigenschaften bei Emil C. sehr gut fahren, sei nur am Rande bemerkt."

 

Trendnotiz

Gerauchte Pfeifen von Emil Chonowitsch erzielen auf Ebay nunmehr grundsätzlich Preise über 200 Euro. Sven Knudsens Formen tauchen aus der Versenkung der Literatur wieder auf und Schnitzer wie Hans Hartmann aus dem Ruhestand hervor - mit dem Slogan 'Return of the 60s' werden seine Pipen bei DanPipes beworben. Allerorten sind erneut einmal Preben Holms verfügbar, während auch der Stanwell-Sammler zur Veredelung schreitet und die Schubläden der Geschäfte nach alten, handgemachten Pipen mit Rego-Nummer durchsucht.

Jüngere wie Poul Winslow verspüren den Trend und verkünden Revival-Produkte. Die Rückkehr der Fancy-Pfeife steht bei Winslow an, der damit zeigt, was er bei Preben alles so gelernt hat. Mit Verlaub: Das ist dem gediegenen Nostalgiker dann doch ein bisschen indiskret. Wer's wirklich ernst meint, hält von diesen Blumen meist so viel wie der Rock-Historiker von einer Monkies-Cover-Band. Da kauft man sich schon lieber Sixtens Ideen in halbwegs authentischer Kopie - als Ausgabe seines einstigen Arbeitgebers Stanwell (möglichst alt natürlich).

Kann eine Rückbesinnung der Sammler auch eine Kurskorrektur der Macher veranlassen? Wünschenswert wäre das zuweilen. Doch was korrigieren - und wie? Die längst auffälligen nostalgischen Anflüge bei den noch aktiven Carvern Dänemarks sprechen allzu oft von konservativer Müdigkeit statt von schöpferischer Bestandsaufnahme oder gar Neubeginn. Sie gehören zum Stillstand, nicht zur Unruhe. Die Rückschau auf eine Epoche des Aufbruchs kann dem Geist der verschollenen Zeit gelten... oder eben nur ihrer äußeren Gestalt. Sehnt sich der Sammler nach der Innovationslust zurück und ehrt ihre Symbole, vermarktet mancher Hersteller nur noch ihre in die Jahre gekommenen Designfrüchte - ob Schlaghosen und Plateau-Rand-Pfeifen, oder gar 'klassische dänische Formen'. Fazit: Renaissance, ja. Doch bitte keine Revivals!

MF

(24. Oktober 2003)

 
 

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