Analyse

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Vor dem Hype ist nur Bo Nordh sicher

- von Martin Farrent -

"Öffentliche Kritik, wenn's der Macher umsetzen kann, ist wirkungsvoller als devotes Kundenverhalten."

Obigen Satz schrieb vor kurzem der deutsche Pfeifenmacher Gerhard Wilhelm in der Internet-Diskussionsgruppe DAFT, als es um das Thema Hype ging. Doch der Gernsheimer untertreibt: Blinde Huldigung ist nicht nur nutzlos, sondern oft auch schädlich.

In DAFT wird recht viel gehypt. Das ist nichts Ungewöhnliches. In anderen Foren zum Thema geschieht dies auch, ebenso in anderen Kreisen mit völlig anderen Themen. Das Hypen ist schlichtweg eine Sammlerkrankheit. Berührt ist jeder - nicht einmal nur Käufer ob der Preisentwicklung, sondern einfache Mitleser angesichts der oft nervigen Inflation eines einzigen Namens.

Das Hypen ist ein Geschäft, das von den Käufern betrieben wird. Vielfach ist die unterbewußte Motivation, die eigenen Investitionen zu schützen. Wenn gehypt wird, lautet das Ziel zumeist, einen Carver in die nächst höhere Klasse zu loben. Hypen tun fast nur diejenigen, die Pfeifen dieses Menschen auch besitzen. Sie befördern ihn vom Hobbyschnitzer zum gestandenen Handwerker, vom guten Durchschnitt ins vermeintliche Highgrade-Paradies. Und dort hört es noch gar nicht einmal auf. Selbst Weltstars können noch gehypt werden.

Es trifft auch die Großen

Dass Tom Eltang zu den Besten der globalen Zunft gehört, bestreiten nur wenige. Ob es aber zu einem eindeutigen Platz unter den oberen Fünf reicht, ist mitnichten reine Ansichtssache. Über Kreativität lässt sich streiten, über Legenden jedoch nicht - deren Entstehung braucht zumindest viel Zeit. Bo Nordh, aber auch Jess Chonowitsch und Lars Ivarsson sind Legenden. Eltang ist (vorerst) keine. Der Wunsch einiger, diesbezügliche Mythenbildung zu beschleunigen, könnte vor einiger Zeit vor allem zur Erhöhung seiner Preise beigetragen haben. Dies sei ihm übrigens gegönnt. Reich geworden ist er sicher nicht, und so recht gelang es den Lobrednern auch nicht, ihn jenseits der Bang-Grenze zu diskutieren. Das ist indes gut so.

Denn gerade an dieser Stelle schlägt das 'Sammlerpack' oft erbarmungslos zu. Hyper haben zwar gewohnheitsmäßig den aktuellen Bo-Nordh-Nachfolger im Schrank, und pünktlich nach den eigenen Schnäppchenkäufen dürfen dessen Preise auch gern ins Unermessliche steigen. Doch die Kehrseite der Medaille kann brutal ausarten: Wer den Star auf der Höhe der Hype- und Verteuerungswelle noch nicht in der Fingern hat, fühlt sich um Chancen betrogen. Mancher fängt dann alternativ zu nörgeln an, wird hyper-objektiv, hyper-gerecht und zuweilen auch hyper-bösartig. Mit einem Wort: Er wird zum gnadenlosen Gegen-Hyper. Und da eine Pfeife für 1000 Euro sowieso ganz anders seziert wird als eine für 500, ist's nicht sehr schwer, den guten Ruf eines hervorragenden Carvers zu ruinieren.

Dass Eltang eine schon abebbende Hype-Welle unbeschadet zu überleben scheint, ist für alle Beteiligten ein Glück, allerdings keine Selbstverständlichkeit. Wenn Sammler sauer werden, ist das Ergebnis nicht prognostizierbar... und hängt wohl teilweise davon ab, wie kleingeistig gerade die allgemeine Laune ist.

Frühere Hype-Opfer in den USA: Pfeifen von Viprati (oben und links)

Kollektive Urteile der Sammler

Die in ihrer Gesamtheit recht mächtige amerikanische Diskussionsgruppe ASP hat schon manchen über den Jordan geschickt und anderen empfindlich am Ruf gekratzt. Ende der 90er war zum Beispiel Luigi Viprati dort groß in Mode, besonders unter Neusammlern. Als viele seiner Anhänger später die dänischen Meister entdeckten, fielen ihnen manche Qualitätsunterschiede auf. Nicht alle hatten den Anstand, den Kontrast zum Italiener als Resultat ihrer eigenen Geschmacksentwicklung zu werten. Einige stellten ihre neue Unlust an Viprati vielmehr als dessen klare Schuld hin - seine Qualität sei aufgrund gestiegener Stückzahlen gesunken. Wenige neutrale Beobachter stellten indes fest: An Vipratis Arbeit hatte sich eigentlich nicht viel geändert. Nur die betreffenden Sammler waren anspruchsvoller geworden.

(Hätte das falsche Urteil übrigens gestimmt, ginge der Schaden zum Teil trotzdem auf das Konto der Konsumenten. Wer hypt denn einen Menschen zur Überproduktion? Seine Urgroßmutter?)

Carvern ist das peinlich

Dabei geben viele Carver zu, dass ihnen die Lobhudelei sowieso zuwider ist. Sie stünden lieber auf einer Stufe mit ihren rauchenden Kunden, würden gerne so unbeschwert mit der Szene plaudern wie diese, haben es auch satt, immer neue Dankesworte für öffentlich ausgespiene Huldigungsparolen zu formulieren. Die vorübergehend exaltierte Stellung nützt den allermeisten ohnehin nichts; denn sie wissen um die Gefahren.

Art Ruppelt, Hersteller exklusiver Pfeifenstopfer, hält einen ehrlicheren Umgang mit den Werken der Macher allerdings für eine fast illusorische Forderung: "Die Leute geben vor, Meinungsäußerungen zu schätzen, reagieren darauf aber im konkreten Fall oft ablehnend." Markentreue und Freundschaften in den einschlägigen Internetgruppen machten es sehr schwierig, eine Ansicht zu äußern, ohne einen Streit zu entfachen, gibt Ruppelt zu bedenken.

Was heißt hier Preis-Leistung?

Sachliche Kritik an einem Carver, der gerade gehypt wird, wehren die Fans gern mit dem Verweis auf ein phänomenales Preis-Leistungs-Verhältnis ab - ein Argument, das zutreffen kann, häufig aber auch eines, das einen Striptease mit seinem eigenen Sinn aufführt. Denn wer zu billig ist, muss zwangsläufig wertvoller als seine Preise sein. Behält er diese allerdings bei, droht der vermeintlich so hohe Wert zum Geschwätz zu mutieren. Das soll ja wohl nicht sein. Letztlich muss das gute Preis-Leistungs-Verhältnis abgeschafft werden, wenn der Hype funktionieren soll.

Passiert das nicht, setzt nämlich von allen Entwicklungen die gefährlichste ein: die Langeweile. Gefährlich ist sie, weil sie nicht einmal von Frust oder Rachegelüsten genährt wird, deshalb auch von niemandem betrieben und nicht zu orten ist. Unbekämpfbar hängt sie im Äther und befällt die Allgemeinheit; denn Langeweile hat eine schlichte Ursache - dass etwas zu lange dauert. In diesem Fall ist es der Wert- und Prestigehöhenflug eines Pfeifenmachers, der - schon halb in die Luft gehypt - einfach nicht durchstarten will. Sein Preis bliebt konstant, seine Anhängerschaft stagniert. Es sind stets die dieselben, die zur bekannten Gebetsmühle seine Loblieder singen. Die Übrigen aber schlafen ein. Was soll's? Man hört auf, sich mit ihm zu beschäftigen. Niemand ist ihm böse, und keiner mäkelt an ihm herum. Er wird einfach nicht mehr gekauft, weil das Adrenalin nicht länger auf ihn reagiert. Gnadentod, sozusagen.

So gesehen hat noch nicht einmal derjenige gewonnen, der besonnen und bescheiden auf das Hoch-hypen seiner Ware reagiert. Markenkontrolle ist da fast unmöglich, würdige Gegenwehr ebenso ausgeschlossen - außer im Schweigen (was bei den bitteren existenziellen Konsequenzen eines Hype-Zyklus manchem Betroffenen schwer fallen dürfte). Resignierend fasst es ein Carver von Weltruf zusammen: "Ich weiß eigentlich nicht, was in mir mehr Ekel erregt - die servilen Euphemismen am Anfang dieser Karrieren oder das anschließend fast unvermeidliche Abservieren."

(14. Oktober 2003)


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