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Totgesagte leben länger ...

Von Björn Hollensteiner

 
  Der Capstan war verschwunden.

Im Zuge der auch in der Tabakbranche grassierenden Fusionen und Rationalisierungen sind schon einige bekannte Tabakmarken und -spezialitäten aus den Regalen der Läden verschwunden.

Viele andere werden heute von Lizenznehmern in zumeist veränderter Rezeptur hergestellt. Man denke nur an den klangvollen Namen Rattrays, mit dem man gemeinhin höchste Tabakqualität assoziiert. Heutzutage werden altbekannte Spezialitäten wie Red Rapparee oder Old Gowrie in Rellingen bei Hamburg produziert. Kohlhaase und Kopp bringen dabei zwar recht gute Qualität - doch versichern alte Hasen, dass mit dem Wechsel des Herstellers ein deutlicher Verlust im Vergleich zur früheren schottischen Produktion einher ging. Gleiches gilt für Escudo, Balkan Sobranie, Three Nuns und andere Größen. Wiewohl man dankbar sein darf, als junger Pfeifenraucher noch Zugriff auf diese Methusalems zu haben, so stimmt es doch traurig, sie offenbar nicht mehr in der ursprünglichen Version vorzufinden.

Einer festen Fangemeinde erfreuten und erfreuen sich auch seit Jahrzehnten die Virginia-Flakes von Imperial Tobacco - Capstan Mild und Capstan Medium, sowie der recht kräftige und sehr britische St. Bruno Flake. Mit Bestürzung erfuhr man daher zu Beginn diesen Jahres von seinem Tabakhändler, dass Produktion beziehungsweise Vertrieb in Deutschland eingestellt werden würden. Alles sah danach aus, als würden erneut drei große Tabake in die ewigen Jagdgründe eingehen.

Am Stammsitz der Tabakfirma DTM in Lauenburg jedoch beschloss man, für die vermeintlich Verblichenen Ersatz zu schaffen. Tabakmeister J. Westphal machte sich an die Arbeit - das Ergebnis kann im neuen Dan Pipe-Katalog bestellt werden. Die drei ‚Neuen' heißen Kriswill mellow und Kriswill medium Navy Cut sowie St. Bernard Flake und sind schon von der Verpackung her ihren Vorbildern sehr ähnlich. Im Folgenden will ich sie beschreiben und mit den Original-Blends vergleichen.

Kriswill Mellow Navy Cut
Ein recht heller Flake, der im Pouch frisch und duftig riecht. Er erinnert nicht wenig an den Orlik Golden Sliced, steht eigentlich genau zwischen diesem und der gelben Capstan-Variante. Im Rauch ist er ausgesprochen mild, fast schon ein wenig einsilbig (ohne jedoch Langeweile aufkommen zu lassen). Der Golden Sliced ist da noch etwas würziger und vielschichtiger, während der ursprüngliche Capstan mild süßer ist, ja fast ‚nachgesüßt'. Wie man es von DTM gewohnt ist, hat der Mellow sehr gute Brandeigenschaften.

Kriswill Medium Navy Cut
Im Vergleich zum Mellow Navy Cut etwas dunkler und fülliger in Aussehen und Geruch. Der Pouch-Duft lässt beinahe schon Deja-vu-Gefühle zum Capstan medium aufkommen. Auch im Rauch kommt dieser Flake seinem Vorbild nahe. Ein wenig Fülle und Süße fehlt ihm noch - dies könnte aber durch sachgerechte Lagerung des gerade erst produzierten Tabaks noch erreicht werden. Ein sehr gelungener, empfehlenswerter Flake!

St. Bernard Flake
Hierauf war ich sehr gespannt, da die Imitation des floralen St. Bruno-Aromas sicher nicht leicht ist. Daher war ich schon enttäuscht, als im Pouch dann gar nichts davon zu riechen war. Der Tabak ist noch dunkler als der Kriswill medium und riecht etwas herber. Nach dem Herstellertext wurde dem Flake Perique zugefügt. Dies bestätigt sich auch in der Pfeife. Man raucht einen herben, fast schon ruppigen Flake, der zu hastiges Ziehen mit einigem Geschmacksverlust bestraft. Dafür ist er nicht unkräftig und kann somit ein guter Begleiter zu einem vollmundigen Rotwein am Abend sein. Das florale Aroma hat man offenbar gänzlich weggelassen, vielleicht keine unkluge Entscheidung, denn echte St. Bruno-Fans hätten Abweichungen davon wohl nicht unbedingt mit Wohlwollen quittiert.

Insgesamt sind die drei neuen Flakes sicher eine Bereicherung des deutschen Tabakangebotes. Man darf gespannt sein, wie sich Lagerung auf die Qualität auswirken wird. Hoch anzurechnen ist es DTM und Dan Pipe, auch in der Flake-Sparte nicht auf Massenproduktion und -absatz zu setzen, sondern der Qualität den Vorrang zu geben.

Wie's dann so geht: Kurz vor Veröffentlichung des Dan Pipe-Katalogs tauchten überraschenderweise die beiden Capstans wieder in den Geschäften auf, nun von einer anderen Firma vertrieben. Ob sie mit ihrer früheren Rezeptur identisch sind, vermag ich mangels Tests noch nicht zu beurteilen.

 
 

(24. November 2003)

     

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© 2003 Björn Hollensteiner, ViSdP: Martin Farrent