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Das House of Windsor - nur ein US-Hype?

- von Björn Hollensteiner -

Lesern der US-Zeitschrift Pipes&Tobaccos ist die Rubrik Trial by Fire von William Serad sicher ein Begriff. Meist nach Herstellern gebündelt werden Tabake recht subjektiv vorgestellt und bewertet. Anders als in deutschen 'Fachmagazinen' bekommt der Leser nicht den Eindruck, den Werbetext des Herstellers zu lesen, sondern eine ehrliche Beschreibung - vom Raucher für den Raucher.

In der vorletzten Ausgabe (Frühjahr 2003) widmete Serad einen Großteil seiner Rubrik der Vorstellung von Produkten der Firma House of Windsor in Yoe, Pennsylvania. Diese hat kürzlich die Produktion traditioneller amerikanischer Pfeifentabake wieder aufgenommen, die ehedem von Philip Morris hergestellt wurden. Es handelt sich um typische granulierte Tabakmischungen auf der Basis des Burley, die schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind. Sie zählen offenbar in den USA zu jenen Tabaken, die man in jedem Drugstore an der Ecke erwerben kann.

Laut Serad schreibt man einigen der Mischungen zu, Favoriten berühmter Pfeifenraucher gewesen zu sein. Angefacht von seinem Artikel und auch geschürt durch die Internet-Diskussionsgruppe ASP kam es in den letzten Monaten zu einem gewissen Hype, in dessen Verlauf Sampler Packs und Großgebinde der Tabake auch in gängigen Online-Tabaksupermärkten verfügbar wurden.

Was aber ist von den Tabaken zu halten? Serad war bei einigen voll des Lobes ob der Qualität und der Raucheigenschaften. Ich will daher vier der Kreationen (Revelation, Country Doctor, Field and Stream und Barking dog - never bites) herausgreifen, die meines Erachtens ein gewisses Spektrum darstellen. Da die Mischungen für mich überraschenderweise recht ähnlich riechen und schmecken, bietet es sich förmlich an, zunächst ihre Gemeinsamkeiten heraus zu arbeiten.

Burley als Basis

Alle vier Tabake basieren im Wesentlichen auf dem Burley als Grundbestandteil. Variiert werden vor allem die in geringerem Anteil vorhandenen 'Würztabake', wie ich sie in diesem Zusammenhang bezeichnen möchte, und die Ausprägung des Flavours. Dieses besteht prinzipiell in einer 'fruchtigen' Note, zu der mir keine bessere Beschreibung einfällt. In ihrer Art ist sie am ehesten mit dem Bukett des McBaren Plumcake vergleichbar - was ganz interessant ist, da es die Frage nach der Henne und dem Ei aufwirft. Nach eigener Auskunft des McBaren-Herstellers Halberg in Dänemark wurden die ersten McBaren-Tabake (Mixture, Plumcake etc.) in den 50er und 60er Jahren hergestellt - "mit der Erfahrung, die Halberg in den USA sammelte". So komme ich zu der Vermutung, dass der Plumcake nach dem Vorbild der ‚alten' Philip Morris-Tabake aromatisiert wurde.

Wie dem auch sei, die vier Tabake von House of Windsor haben alle einen gemeinsamen Grundgeschmack. Dieser ist (burley-bedingt?) nicht so differenziert, wie man es etwa von Mischungen auf Virginia-Basis kennt. Vielmehr findet sich eine einfache, fast flache Tabaknote, auf der die einzelnen Mischungen aufbauen. Alle vier glimmen recht gut - viel Konzentration braucht man ihnen beim Rauchen nicht zu widmen. Bei allen kommt es gegen Ende der Füllung leider zu einem doch deutlichen Geschmacksverlust.

Country Doctor - der Urahn des Plumcake?
Beim Landarzt kommen zur genannten Burleybasis Virginia und vielleicht auch etwas Perique dazu. Das allen gemeinsame Fruchtflavour ist hier mittelkräftig ausgeprägt. In der Pfeife gibt der Virginia der Mischung etwas mehr Süße mit und ergänzt sich mit dem Flavour recht gut. Er erinnert mich von allen vier Blends am meisten an den Plumcake, wobei dieser meines Erachtens eine bessere Tabakbasis hat. Im Prinzip nicht schlecht, aber auch kein wirklicher Hit.

Revelation - Albert Einsteins Liebling
Hier ergänzen etwas Virginia und Latakia die Grundmischung. Das Flavour ist geringer ausgeprägt als beim Country Doctor. Aufgrund des kleinen Latakia-Anteils wird der Tabak etwas herber, gegen Ende der Füllung auch leicht bitter. Auch diese Mischung kann man leidlich rauchen.

Barking dog - never bites - ein recht rauher Geselle
Grundtabak plus ein wenig Virginia, allerdings mit deutlich höherem Latakia-Anteil. Auch hier ist das Flavour vorhanden (obwohl Serad behauptet, der Tabak sei nicht aromatisiert). In der Pfeife ist die Mischung eher rauchig herb; das Flavour wird doch ziemlich vom Latakia überdeckt. Gegen Ende wird sie mir etwas zu dumpf und rauh. Allerdings hält der Tabak sein Versprechen, die Zunge des Rauches nicht zu beißen. Ich kann ihn ganz gut rauchen, muss es aber nicht tun.

Field and Stream - ein präsidialer Tabak?
Der Favorit von Ex-Präsident Gerald Ford. Beim Öffnen des Pouch werden sich die Gesichtszüge des Naturfreundes in Entsetzen verzerren. Hier wurde der Burley-Basis und etwas Virginia eine recht künstlich-chemisch riechende Aromakeule verpasst, die den House-of-Windsor-Grundgeruch stark überdeckt. "Liquorice" (Lakritz) nennen es die Amerikaner - für mich riecht es in der Tat nach den gleichnamigen englischen Süßigkeiten. In der Pfeife verschwindet das Flavour aber erstaunlicherweise, und man schmeckt nun wieder den Burley. Auch dieser Tabak verliert sich zum Ende der Füllung. Überraschenderweise ganz rauchbar.

Fazit: William Serads Begeisterung kann ich nicht bedingungslos teilen. Die beschriebenen Tabake sind zwar nicht schlecht, bleiben aber im Vergleich zu Kompositionen europäischer Hersteller - oder auch McClellands - doch deutlich zurück. Dass Burley differenziert schmecken und geschmackliche Tiefe vermitteln kann, zeigt uns zum Beispiel Orlik mit seinem Singleton Flake, der in Deutschland leider nicht erhältlich ist.

Auch wenn es pauschal klingt, ich halte die House of Windsor-Blends für Tabake, die man ohne große Kontemplationen 'wegquarzen' kann und soll. Eine große Anhängerschaft ist ihnen nicht alleine durch ihre Unkompliziertheit, sondern auch durch ihren mäßigen Preis sicher (39g für 3,40 $).

Eines muss man den Tabaken lassen: Sie rauchen sich sehr sauber unter Bildung eines festen Cake ab und hinterlassen nur wenig Crossover. Ich werde dennoch das Gefühl nicht los, dass der Hype des House of Windsow (auch durch Raucher, die sich ansonsten für Hochwertigeres begeistern) nicht unwesentlich von der derzeitigen Welle des Patriotismus in den Vereinigten Staaten getragen wird. Hinzu kommt ein gewisser Nimbus der Tradition, der auch mich bewogen hat, die Sorten zu probieren. Für mich war es eine interessante Erfahrung - allerdings werde ich nach dem Aufrauchen des Sampler-Packs sicherlich nicht nachbestellen.

Bezogen wurden die Tabake beim Tobacco-Supermarket, Atlanta (http://www.tobaccomkt.com)

(27. Oktober 2003)


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© 2003 Björn Hollensteiner, ViSdP Martin Farrent