Pfeifenbox

logo

Hintergrund

Zurück...

School's out forever

In Amerika wird der Bruch mit der Tradition Sixten Ivarssons geübt. Das ist nicht immer stilistisch zu sehen. Während Carver wie Lee von Erck eine eigene Formenwelt finden, bleibt die 'dänische Klassik' für die Mehrzahl der Neuweltler das Maß der Dinge. Eher zwangsläufig findet bei ihnen eine andere Revolution statt: ein Umbruch der Autodidakten und Teilzeitler, der längst auch globalere Ausmaße annimmt.

 
  Amerikaner Lee von Erck

Er macht Pfeifen, die ein Europäer leicht als typisch amerikanisch ansehen könnte: Verschnörkelt, dennoch maskulin, irgendwie wildwestig, natürlich auch groß. Lee von Erck fühlt sich nach eigenen Worten als Pfeifenmacher mit amerikanischem Image wohl. Dennoch sieht er seine Formen eher in der Naturliebe und Stadtferne begründet als in der Nationalität.

Tyler Beard pflegt hingegen den internationalen Stil. Der hauptberufliche Pastor gehört zum zunehmend häufigen Typus des Teilzeit-Carvers auf sehr hohem Niveau. Viel Zeit verbringt er mit perfektionischem Detail-Tuning seiner Tyler Lane Pipes. Zu den wenigen europäischen Besitzern einer solchen gehört übrigens Cornelius Mänz.

Zwei Welten der amerikanischen Pfeife, deren Kontrast verdeutlicht, wie weit die US-Carverei noch von einer nationalen Schule entfernt ist, - falls eine solche überhaupt erstrebenswert erscheint. Es lässt sich aber auch pointierter ausdrücken: Gerade im Fehlen einer Schule - einer wortwörtlichen nämlich, mit Lehrern und Schülern - liegt die Gemeinsamkeit der Amerikaner im Bruyere-Geschäft, und in diesem Sinne führen sowohl Lee als auch Tyler typisch amerikanische Aspekte des Pipen-Genres vor.

Aus dem Saloon

Die Loslösung von Formenfamilien, die seit rund 50 Jahren das Geschehen prägen, ist die eine Seite dieser Medaille. Namen wie Roush, Cannoy und Erck stehen für das Undänische in der Stilistik. "Ich fühle mich mit einem Etikett wohl, das meine Pfeifen als amerikanisch ausweist", sagt Lee von Erck, dessen Produkte (hier zu sehen) nichts von seiner Freundschaft mit Teddy Knudsen ahnen lassen.

Dabei pflegt er keine bewusste Abkehr vom europäischen Vorbild. Er lässt vielmehr nur zu, dass Designelemente von außerhalb der Pfeifenwelt in sein Werk einfließen. "Mich in der Natur und in natürlicher Umgebung wohl zu fühlen, in Städten eher unwohl, das scheint sich in meiner Arbeit zu reflektieren", sagt Lee von sich selbst. Doch trifft dies den Kern aus Sicht eines europäischen Betrachters nur halb Seine Zivilisationsskepsis passt zu seinem Cowboyhut - und zu diesem passen wiederum seine Pfeifen. Es ist indes nicht die Prärie, die wir darin erblicken, sondern den besseren Saloon, den Pullman-Waggon und das Kaminzimmer der Ponderosa - gediegen, entspannt, mit höflichem Widerstand gegen die Moderne. Eine Pfeife, sagt Lee, muss zu ihrem Macher passen. Alles andere sei "unbeholfene Nachäfferei".

Mühselige Lernprozesse

Ein ganz anderer Typ ist Tyler Beard. Seine Vorbilder liegen in Europa, und seine Stilistik spricht fließend Dänisch und Deutsch. Anders als viele europäische Kollegen musste er aber ohne Lehrmeister, auch ohne zeitweiligen Mentor, ja selbst ohne Wochenendkurse auskommen. Als Autodidakt behalf er sich mit Informationen aus dem Internet und dem Fernkontakt zu anderen Carvern. Er schaut sich Pfeifen des europäischen Establishments in Läden und auf Shows an. "Niemand zeigt mir, wie man solche Pfeifen hinkriegt. Ich sehe aber, dass sie meinen überlegen sind und studiere sie, um die Unterschiede zu definieren. Dann arbeite ich daran, das Gelernte selbst umzusetzen." Die Ergebnisse schickt er mitunter erfahrenen Sammlern, um Feedback einzuholen. Auf Ausstellungen fordert er große Macher wie Tom Eltang auf, ihm ehrlich und ohne Schmeicheleinheiten die Meinung zu sagen. "Die Wahrheit über die eigenen Pfeifen zu erfahren, gehört zum Wichtigsten am ganzen Lernprozess."

Qualitätsmäßig zahlt sich der mühsame Weg inzwischen aus. An Tyler kommt heute keine Aufzählung der "promising young men" vorbei, und die meisten US-Experten sehen ihn schon auf den Stufen zur amerikanischen Spitzengruppe. Einräumen muss Beard allerdings, dass seine Effizienz noch zu wünschen übrig lässt. Er arbeitet eben langsam - langsamer als ein Biagini oder Cavicchi, aber auch langsamer als professionelle Highgrader wie Rainer Barbi und Larry Roush. Das fließe allerdings nicht in seine Preise ein, betont Tyler: "Ich bin mir meiner Ineffizienz bewusst und werde gewiss keinen Kunden dafür zahlen lassen."

Abgehobene Preise

Hier aber geraten wir - oberflächlich betrachtet - an einen Scheidepunkt zwischen Amerika und Europa, zwischen den Dänen aus der Pionierzeit und den Pionieren der Neuen Welt. Tyler ist Teilzeitler und nicht darauf angewiesen, seine Zeit zu einem bestimmten Tarif zu vergolden. Seine Kalkulation setzt nicht am eigenen Brotkasten an, und daher ist er - rein wirtschaftlich gesehen - einfach kein Handwerker. Doch nicht nur das: Eine Ausnahme ist er in der amerikanischen Prominenz beileibe nicht. Jody Davis, Todd Johnson und Brian Ruthenberg sind nur drei weitere Beispiele national hoch reputierter Könner, teils sogar schon mit globaler Fangemeinde, und doch eben (ökonomische) Amateure.

Warum dieser Umstand so wichtig ist? Weil ein ähnlicher Trend zwar in Europa zu greifen beginnt, sich in Amerika jedoch unverkennbar zur Regel mausert. Und mit dieser neuen Regel geraten alte durcheinander - allen voran jene des Marktes und der Preise. Ob sich ein Teilzeitler relativ zu seiner Arbeitszeit unter Wert verkauft oder weit darüber, ist dabei von nachrangiger Bedeutung. In beiden Fällen wirkt sich dasselbe Prinzip aus: dass seine Preiskriterien zunächst wenig mit dem Bedürfnis nach einem regelmäßigen Einkommen zu tun haben. So kann er Chonowitsch-Preise ausrufen und seelenruhig auf den Zufallskunden warten, der ihm Monate später den Prestigekick verpasst. Er kann aber auch die Frucht zweier verschliffener Wochenenden für hundert Dollar ins Internet stellen, damit ihm vor lauter Dankbarkeit des späteren Besitzers ganz warm ums Herz wird.

Ein solcher Schnitzer kann natürlich auch die Hauptberuflichkeit erwägen. Doch tut er es dann - anders als der Kopenhagener Pfeifenlehrling der 50er oder 60er Jahre - zumeist bei weit geöffneter Hintertür. Ein vielversprechender Arzt, Musiker oder Akademiker wird dabei auch andere finanzielle Ansprüche anmelden als ein 16jähriger Schulabgänger. Bringt ihm die Pfeifenmacherei zu wenig ein, wechselt er auf den bisher befahrenen Gleis zurück. "Ich glaube nicht, dass sie [solche Carver] unrealistisch sind", sagt der renommierte US-Händler Sykes Wilford zu den meist hohen Preisen dieser Experimentierenden. "Ich halte sie für hoch realistisch. Sie wissen, dass die Pfeifenmacherei ausreichend lukrativ sein muss, um mit anderen möglichen Berufen zu konkurrieren, wenn sie davon leben wollen."

Eine Hochpreispolitik, die nach einem Pokern mit riskantem Einsatz wirkt, kann also in Wahrheit ein relativ entspanntes Ausloten der Lebensmodelle sein. Einige jüngere Carver in Nordamerika können sich diesen Modus tatsächlich leisten. Sie wollen spätestens im übernächsten Jahr ausgewachsene Teddys und Toms sein - oder ziehen sich eben zurück. Doch auch der umgekehrte Weg der niedrigeren, rein kundenorientierten Einstiegspreise setzt die anderweitige Absicherung des Überlebens voraus. In beiden Fällen gilt: Preis drückt hier Marketingstrategie und Zukunftsprojektion aus, weniger die unmittelbare materielle Realität des Carvers.

Hüben wie drüben?

Letztlich steht dahinter eine einzige Tatsache: In Amerika hat es die Carverei als Erstberuf eines Jugendlichen ohnehin kaum gegeben. Als Aussteigertätigkeit gewann sie in den 80er Jahren zwar einige Jünger, doch blieb die Rentabilität insgesamt zu gering, um ein Ausbildungswesen zu etablieren. Vollprofi Lee von Erck war ja selbst dereinst Seiteneinsteiger. Er kam aus keiner 'Schule' und wird auch keine begründen. Weder er noch andere Amerikaner können es sich leisten, die dänische Workshop-Tradition der Ivarsson/Rasmussen-Jahre zu emulieren. Auch italienische Modelle des innerfamiliären Generationenwechsels kommen selten in Frage (Mark und Glenn Tinsky bilden hier vielleicht eines Tages die Ausnahme). Lee hätte zwar gerne einen Lehrling, der seine Sandstrahltechnik und Ölbehandlung zu gegebener Zeit 'erben' könnte. Doch dürfte dieser Traum, wie er selbst einräumt, an den Finanzen stets scheitern.

Es steckt halt seit Jahren zu wenig Geld im Pfeifen-Genre, und die Folgen werden uns in Amerika deutlicher vor Augen geführt als im alten Europa, wo noch einige wenige Altgiganten eine handwerkliche Weltanschauung leben können. Längst ist auch diesseits des Ozeans das Ausbildungswesen als Herzstück der handwerklichen Kontinuität tot. Wer Glück hat, darf Jess Chonowitsch ein paar Tage lang über die Schulter schauen, bekommt von Tom Eltang einige Tipps oder trinkt gar mit Bo ein Gläschen Rotwein. Doch dann geht es zurück in den Hobbykeller. Die Zeit der Meister und Eleven ist hüben wie drüben vergangen, die der Schulen damit zwangsläufig auch.

Die neue Individualität ist ein Wahrheit ein erzwungenes Einzelkämpfertum und stammt nur scheinbar aus der Neuen Welt. Es geht der Pfeifenwirtschaft ganz global nicht üppig, und weder junge Talente noch ausgewiesene Größen wissen dagegen Rat. Auf diesen Umstand richtet Amerika freilich die Scheinwerfer.

 
 

(8. Dezember 2003)

     

Zurück...

© 2003 und ViSdP: Martin Farrent