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Shop oder Show?

Amis bestellen nach Pixelbildern aus dem Netz und freuen sich das ganze Jahr wie Kinder auf das Live-Erlebnis einer Pfeifenshow. Und Europäer? Sie sind einfach nur hoffnungslos blasiert: Im Highgrade-Supermarkt an der Ecke lassen sie reihenweise die Juwelen abblitzen, um ja nie in die Gefahr zu kommen, Adjektive auszusprechen.

 
  Für Mark Shelor muss es London sein.

Ungefähr so lauten jedenfalls die heimlichen gegenseitigen Vorurteile der Pfeifenkontinente - und ganz lassen sie sich nicht von der Hand weisen. Man ist, hüben wie drüben, doch ein bisschen komisch (der jeweils andere aber komischer als wir selbst).

Doch hinter platten Sprüchen steckt auf beiden Seiten eine Portion Neid, weil im Ernst auch das fehlt, was der andere hat. Einfacher geht alles mit dem Jet - dann hat man beides. US-Sammler Mark Shelor und der deutsche Starschnitzer Rainer Barbi haben - jeder für sich - die Vorteile der Fremde erlebt und schätzen gelernt. So wich die Distanz der Begeisterung.

 

Rainer schwärmt nun von der Kultur der 'Pipe shows'. Mark, der sich in den 90er Jahren beruflich für längere Zeit in Frankfurt und Brüssel aufgehalten hat, entdeckte die Bombastik gut geführter Läden. Er 'weekendete' seinerzeit gern in England und empfindet die britische Hauptstadt noch immer als das Mekka der Pfeife. "Die Pfeifenläden in London haben mein Leben als Raucher verwandelt", erinnert sich Shelor.

 

Schlüsselerlebnis

"Insbesondere mein erster Besuch bei Astleys war ein Schlüsselerlebnis. Es war schlicht überwältigend, so viele Stücke zu erleben - jedes davon in beinahe überirdischer Perfektion. Endlich verstand ich die Faszination der High-Grade-Pfeife. Das war Kunst. In der stillen, würdevollen Atmosphäre des Ladens war ich mir sicher: Pfeiferauchen ist eine erhabene, hochzivilisierte Tätigkeit. Dieses Gefühl hat mich seither auch nie wieder verlassen, weswegen ich auch überhaupt keine Hemmungen habe, in der Öffentlichkeit mit einer Pfeife gesehen zu werden."

Mehr Tradition, mehr Beständigkeit

Für Mark haben die Europäer einen stärkeren Sinn für die Pfeifentradition. Dies zeigt sich seiner Meinung nach in einer selektiveren und beständigeren Sortimentspolitik der Geschäfte: "Von Astleys ging ich zu Bond's in der Oxford Street. Dort ging es geschäftiger und kommerzieller zu - aber zur Beschwerde sah ich keinen Anlass, als mir schubladenweise Straight Grain Upshalls vorgelegt wurden. Ich konnte meinen Augen nicht trauen.

Damals waren diese Pfeifen in den USA rar und extrem teuer. Doch in England waren sie in Fülle vorhanden und mit vernünftigen Preisen versehen. Seinerzeit spielte die geographische Lage noch eine prominente Rolle. Zwar hat heute das Internet die Preis- und Verfügbarkeitskluft weitgehend geschlossen. Dennoch: Wenn du auf der Suche nach einer klassischen englischen Pfeife bist, gibt es für einen ausgiebigen Spaziergang durch London keinen Ersatz. Habe ich dir übrigens von den beiden Straight Grain Willmers erzählt, die ich zu je 25 Pfund in einem Wühlkorb bei Harrods fand?"

 

Rainer Barbi über die weltgrößte Pipenshow in Chicago:

Ich muss es einfach gestehen und kann es nicht leugnen; selbst unter der Gefahr, als Dinosaurier und barock betrachtet zu werden: Ich liebe die "Show"!

Zwar sind die Zeiten schon lange vorbei, zu denen sich eine Catarina Valente im öffentlich-rechtlichen Programm vor dem sonnabendlichen familienimmanenten "Couchpotatoe" auf der schwarz-weißen Mattscheibe bühnenfüllend darstellte.

Ebenso sind sie nur noch Legende, die großen Las Vegas Shows der Superlative, auf denen die Stars der 70er wie Dean Martin oder Frank Sinatra - umrahmt von prachtvoll ausstaffierten Glamour Girls - Tausende in ihren Bann zogen.

Ich liebe einfach diese monströsen Veranstaltungen, auf denen Hunderte von Menschen aus nah und fern mit fast schon naiver Freude zueinander finden, mit strahlendem Antlitz ihre Leidenschaft teilen, für Stunden den Alltag vergessen und gemeinsam in die Welt ihrer Sehnsüchte abtauchen.

Ich liebe die Chicago Pipe Show!

Natürlich hat mich schon als Kind die Stadt als solche fasziniert, nicht wegen der Downtown, sondern vielmehr aufgrund ihrer spannenden Geschichte, die - geprägt von der Prohibition - faszinierende und zugleich fragwürdige Figuren sich hat entwickeln lassen.

Sollte dieser Standort etwa nicht Zufall sein, sondern der geschichtlich logische Platz, diese neue Form der prohibitiven, freiheitsverachtenden Raucherverfolgung aktiv in Frage zu stellen und demonstrativ den Widerstand zu formulieren? Wenn ja, ist es gelungen, jedes Jahr aufs Neue in diesem Mekka der Pfeifen liberale, fröhliche und kommunikative Liebhaber zu einer Phalanx des inneren Widerstandes zu bündeln.

Das ist Showtime, wenn sich am Abend die Zimmertüren öffnen, Heerscharen von Enthusiasten die "Rooms" erstürmen und mit der Budweiser- Dose fest von Männerhand umschlossen die ausgebreiteten Bruyerejuwelen sichten. Ob Pre-Show oder Hauptveranstaltung, die Luft vibriert, Männer werden zu Kindern, man hört die Herzen schlagen, und selbst die härteste Preisverhandlung wird zum fiebernden Spiel der Lust.

Kein Stress, keine Hast, kein verkrampftes Geschäftsgebaren. Kaufen und Verkaufen ist das Abfallprodukt - und haben wir heute ein schlechtes Geschäft gemacht, "doesn't matter", morgen geht die Sonne wieder auf, und das Glück ist auf unsere Seite. Nur eines ist wirklich wichtig: Spaß haben, Freude geben und nehmen.

So klingt die Show auch aus: Gemeinsam wurde die Schlacht geschlagen und gemeinsam geben sich Käufer und Verkäufer, Sammler und Tauschwütige der entspannenden Atmosphäre eines abendlichen Dinners hin. Ein letzter leidenschaftlicher Austausch der Gedanken und das feste Versprechen: "The Show must go on".

God bless Chicago!

 

(11. März 2004)

     

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© 2004 und ViSdP: Martin Farrent