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Essay

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Eine begnadete Generation

Wie kommt es in der Pfeifenwelt zur Mythenbildung und zur Definition einer absoluten Topgruppe? In einer Expertenrunde für den englischen Teil der Pfeifenbox diskutierten Tabakhersteller Greg Pease sowie Sammler Erwin Van Hove und Jörg Lehmann über mögliche Legenden von morgen. Wer könnte im Jahre 2025 dort stehen, wo heute Bo Nordh und Lars Ivarsson angesiedelt sind? Dieses Thema im Essay zu vertiefen, hat hoffentlich nur oberflächlich mit Hitparadendenken zu tun.

 
  Auf Mänz konnten sich die Experten einigen.

Vorab: Die Frage nach dem nächsten Bo ist natürlich müßig - existierte doch kein Bo vor Bo, sondern beispielsweise Sixten Ivarsson, eine ganz andere Legende in ganz anderer Funktion. Verlässt ein Mensch ein Genre, so nimmt er seine besonderen Gaben mit, wie dereinst Pele im Fußball. Wie die Fußballwelt ist allerdings auch jene der Pipe eine hierarchische, und wenn der eindeutige Star fehlt, entfällt noch lange nicht die Notwendigkeit, so zu tun, als gäbe es ihn trotzdem. Die reale Grundlage dafür bietet allein schon der hierarchie-orientierte Käufertyp, der Rarität und Hochpreispolitik geradezu als Entscheidungsmaßstäbe benötigt. Sein Bedürfnis, halbe Unsummen auf den Tisch zu legen, bleibt an dieser Stelle einmal unbeleuchtet.

Und: Suchen wir nach den definitiven Pfeifenstars von morgen, so müssen wir uns natürlich auf Carver beschränken, die wir halbwegs einschätzen können. Schon dies beeinträchtigt den Realismus der Prognose; denn es sind nicht nur völlig Unbekannte, die wir unberücksichtigt lassen sollten. Auch bereits empor getauchte Anfänger, und scheinen sie noch so gut, haben in dieser Diskussion nichts verloren. Wir wissen zu wenig über sie - zu wenig über ihre Fähigkeiten, zu wenig über ihre ökonomischen Persönlichkeiten, zu wenig über ihre Schutzengel.

Ignorieren wir also die brandneuen deutschen Namen und beispielsweise auch den heimlich-heiß gehandelten Amerikaner Will Purdy. Das sind Macher, deren gestalterische und handwerkliche Entwicklung wir nicht wirklich abschätzen können - selbst dort, wo wir künftige Spitzenklasse nicht ausschließen wollen. Vor allem ist auch völlig unklar, wie sie mit dem Markt reagieren werden. Zuckerbrot und Peitsche, die fast alleinigen Erziehungsmethoden der Pfeifenszene, haben schon so manches Rückrat gebrochen. Kein Pfeifenmacher kann sich vollständig wähnen, bevor er sich ausgiebig am Kunden erprobt hat.

Schon zu alt?

Aus dem umgekehrten Grunde können wir allerdings Carver wie Tom Eltang und Larry Roush außen vor lassen, trotz ihrer relativen Jugend. Ihre Stellung am Markt ist bereits allzu deutlich definiert, und gerade das Angekommensein versperrt ihnen nach meinem Empfinden den Weg zu allerhöchsten Weihen. Ihre Fixposition liegt in der Weltelite, jedoch 'unterhalb' der absoluten Spitze der sogenannten Ultra-Highgrader. Selbst wenn letztere sämtlich morgen in den Ruhestand gingen, bliebe die Erinnerung an ihre vermeintliche Überlegenheit. Eltang und Co. könnten also nur dadurch zu künftigen Legenden avancieren, dass wir das Maß des Mythischen insgesamt tiefer hingen. Das wäre aber ein bisschen wie die Gottwerdung des Julius Caesar - nicht wirklich glaubwürdig. Es ist zwar nur halb fassbar, dieses Gefühl für das Überirdische eines Machers. Auf einen stupiden Nenner gebracht, könnte das Prinzip jedoch lauten: Legende kann sowieso nur werden, wer noch nicht anderweitig verwurstet ist.

Mit Können und Qualität hat das an dieser Stelle nur marginal zu tun. Dass aus Tom kein Bo und aus Larry kein Jess wird, liegt eher emotional auf der Hand, als dass es sich produktbezogen begründen ließe. Zum Verständnis erscheint mir dabei eine Unterscheidung ausnehmend wichtig: Die Anerkennung als Highgrader unterliegt vorwiegend recht definierbaren Bedingungen, während die (glaubwürdige) Beförderung in die Ultrapreisgruppe eben eine Sache der Legendenbildung ist - und damit höchst unfair.

Ergo: Es ist nach allgemeinem Empfinden keine Schande, mit Bo nicht in den Ring steigen zu können. Da er jedoch immer der mythische Champion bleiben wird, an dem sich mehr als eine Generation zu messen hatte, dürften die übrigen der heute etablierten Besten auch niemals die Aura der Normalsterblichkeit verlieren.

Young Americans?

Cornelius Mänz und Kent Rasmussen: Das sind hingegen die Namen, auf die sich das Panel halbwegs einigen konnte. In ihnen erleben wir Carver, die schon heute als Weltklasse gelten, deren Weg aber nach allgemeinem Empfinden noch lange nicht zuende ist. Es mag zwar durchaus sein, dass sie Barbi und Ilsted niemals objektiv übertreffen werden. Die Gnade der späten Geburt beschert ihnen aber, dass in ihrer Großgeneration kein Bo die restliche Welt überragt. So sind die künftigen Jobs im legendären Umfeld noch zu vergeben - und von vornherein besteht für sie eine Perspektive, die für ihre Vorgänger vor nur zehn Jahren fast undenkbar war.

Die steilen Starts der genannten Jungeuropäer in den Ruhm betonen ihre Eignung für die Spitze und reflektieren zugleich das vorsorgliche Bedürfnis der Sammler nach neuen Helden. Was aber ist mit der übrigen A-Jugend? Warum fehlten in den Überlegungen des Panels Namen wie Todd Johnson oder Michael Lindner? Wo bleiben Jody Davis und Tyler Beard? Fragen, die für die Diskutanten offenbar wenig Relevanz besitzen, die aber später umso lauter wurden.

Dass mit einigem Leserprotest auf das Fehlen der jungen Nordamerikaner unter den Favoriten des Panels reagiert wurde, zeugt wohl vom wachsenden Patriotismus der Sammler in den USA. In einem Folge-Interview legte der kanadische Online-Händler Mike Glukler (BriarBlues) aber unumwunden seinen Finger in die Wunden, und gab den Panel-Mitgliedern recht: Die heißen neuen Namen der US-Szene leisten demnach zu wenig Grundlagenarbeit und bringen sich zu wenig ein. Sie scheuen überwiegend den Schritt zum hauptberuflichen Schnitzen und sind - für 'Anfänger' - außerdem schlicht zu teuer. Etwas vorlaut versuchen sie, die Qualität ihrer Produkte zur Selbstverständlichkeit zu erklären, um sie gleich zum einzig wichtigen Kriterium zu erheben. Überspitzt gesagt: Sie scheinen zu glauben, dass man den Anspruch auf Etablierung schon mit der zehnten guten Pipen erwirbt. Spätestens die elfte kostet dann mehr als eine gleich gradierte Eltang.

Man hat auch den Eindruck eines etwas spielerischen Umgangs dieser 'olympischen Amateure' mit der Fülle ihrer Berufsperspektiven - meist sind sie anderweitig nicht gerade unterqualifiziert und haben mehrere Eisen im Feuer. Im Mittelpunkt der Überlegungen dürfte bei einigen daher ein bestimmtes Zieleinkommen stehen, was natürlich ebenso verständlich wie legitim ist. Allerdings: Ob sich finanzielle Perspektiven durch ungeduldige Experimente eruieren lassen, darf bezweifelt werden. Wer schon heute weiß, in welche Anwaltskanzlei er einsteigt, wenn er sich bis 2005 nicht zu Reichtum geschnitzt hat, sollte Träume vom Legendenstatus vielleicht besser begraben. Er darf eher froh sein, wenn er in fünf Jahren überhaupt als halbwegs guter Macher in Erinnerung bleibt. Als schlechte Investition in die Annalen einzugehen, scheint ihm hingegen gewiss.

Stillere Amerikaner - der Name Tyler Beard fiel bereits - gibt es natürlich auch. Kommen wir einmal doch auf besagten Will Purdy zurück, so sehen sowohl Glukler als auch Pease in ihm sogar eine mögliche Ausnahmeerscheinung. Seine Pfeifen sind auf dem breiten Markt noch nicht erhältlich (selbst Bilder kennen nur Eingeweihte), und mit seiner späteren Preispolitik beschäftigt sich Purdy allenfalls am Rande. Seine Regel, sich in einer recht langen Vorbereitungsphase fast ausschließlich mit der Feinverbesserung des Produkts zu befassen, verrät nach Ansicht Gluklers den nötigen Fanatismus eines Perfektionisten. Die sehr wenigen, die physische Erfahrung mit seinen Pfeifen haben, neigen jedenfalls zum Jubeln.

Allerdings befindet sich Purdy noch in der Kuschelecke, verkehrt fachlich nur mit ausgewählten Experten und hat sich der Härte des realen Marktes noch nicht gestellt. Wie souverän wird er mit Hype, Gegen-Hype, Schmähung und Rivalität umgehen? Wie konsequent wird er die Kontrolle über die eigene Marke verteidigen können? Das sind teilweise Persönlichkeitsfragen, die sich erst in der Praxis selbst beantworten lassen.

Trauma an der Tagesordnung

Trever Talbert, dessen Namen ich persönlich sowohl in der Expertendiskussion als auch im Glukler-Interview vermisst habe, wies kürzlich darauf hin, dass es einfach nicht reicht, von der diffusen Szene als Nachwuchsgenie erkannt zu werden. Selbst die Gewinner des angesehenen P&T Pipecarving Contest erleben die ersten Jahre auf dem Markt oft als Alptraum. Ins Mark treffende Anschuldigungen und Enttäuschungen, zerplatzte Seifenblasen in Serie, Produktionsdruck und Händlerwünsche - das sind Faktoren, die später auch beim etablierten Macher dafür sorgen, dass Trauma an der Tagesordnung bleibt.

Von Kent und Cornelius (da sind sie wieder) beginnen wir allerdings zu ahnen, dass sie dieser Tortur wohl gewachsen sind, und so nehmen wir sie ernst. Sie haben sich hinreichend zur Pfeifenmacherei bekannt und lassen im Umgang mit der Szene wachsendes Selbstbewusstsein erkennen - gleichwohl jedoch keinen Eigenkult. Wenn Kent in aller Öffentlichkeit fragt, was man von seiner jüngsten Formidee halte, dann wirkt das weder anbiedernd noch unsicher - sondern nüchtern und diskussionsbereit. So redet jemand, der seinen Stand bereits kennt und nunmehr über das Konkrete sprechen möchte. Es soll weder Jubel erheischt noch Marktwert gemessen werden. Solche Selbstsicherheit muss man sich erst einmal leisten können.

Was mir in diesem Zusammenhang freilich noch wichtiger erscheint: Der Markt reagiert tatsächlich mit Respekt, und die Sammler betrachten Rasmussen wie auch Mänz aus einer faszinierten Distanz. Ihre Pfeifen werden begehrt und gekauft, ohne dass es zur Marken-Verheizerei kommt. Auffälligerweise entfällt sogar fast jede kontroverse Diskussion. Es ist, als hätten sich selbst die üblichen Klatschmäuler zur Zurückhaltung verabredet: keine Filmkritik bei noch laufender Premiere. So mag es diese Portion Ehrerbietung sein, die bereits heute planvoll Raum für die Mythenbildung von morgen lässt.

 
 

(27. Februar 2004)

     

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