|
Pfeifenbox |
|
| Markt |
Mittelfeld im Eimer?Während die Mittelklasse unter deutschen Pfeifenmachern eher verpönt ist, wird sie vor allem in Italien und Amerika als durchaus begehrenswerte Nische empfunden. Dort treten die wenigsten neuen Schnitzer an, Highgrade-Territorium zu erobern. |
Lichtblick im
Mittelfeld - Paul Becker. |
"Ich will, dass alle Pfeifenraucher eine hervorragende Pfeife kaufen können", sagt Marco Biagini von Moretti, "auch diejenigen, die sich Highgrades nicht leisten können." Und auch der Kanadier Bill Weist von Cat's Paw Pipes lehnt eine Politik der Exklusivität ab: "Streben wir in die Premium-Ecke? Das muss ich verneinen. Von Anfang an lautete unser Ziel, die bestmögliche Pfeife zu einem vernünftigen Preis zu machen." Immer wieder rieten Kunden und Freunde, den Einstiegseinsatz für eine Cat's Paw zu erhöhen, erklärt Bill: "Das ist aber nicht die Richtung, die wir einschlagen wollen." Schaut man sich neuere Namen wie Rad Davis und John Rocheleau an, so wird deutlich, dass sich vor allem in Nordamerika eine neue 'Bewegung' zur Handmade mittlerer Preislage formiert. Auf dem dortigen Markt herrscht wachsende Nachfrage nach der erschwinglichen Qualitätspfeife oberhalb der Stanwell-Klasse. Der niedrige Dollarkurs und die ohnehin steigenden Preise dänischer Meister lassen den Blick auch wieder nach Italien wandern. Nur ausgewiesene Sammler leisten sich derzeit die deutschen und dänischen Weltstars. Der Sammler und Accessoire-Hersteller Art Ruppelt sieht für den Trend zur Mitte einen weiteren Grund. Eine Schar relativ neuer Pfeifenraucher komme vor allem von der Zigarre, erläutert er. Als Umsteiger des Booms der späten 90er Jahre hätten diese Neulinge zunächst eine finanzielle Entlastung von der teuren Handgerollten gesucht: "Sie hatten nichts dagegen, für Tabak Geld auszugeben - damit kannten sie sich ja aus. Aber sie zögerten, größere Summen für Holz und Zubehör zu investieren, waren sie doch der irrigen Ansicht, dass sich Pfeifen billiger rauchen lassen als Zigarren. Also konzentrierten sie sich auf das Kraut und vernachlässigten [zunächst] die 'Hardware'. Jetzt, wo diese Leute das Holz zu schätzen beginnen, wirst du an neues Interesse an den Italienischen Midgrades erleben." Momentaufnahme Deutschland dürfte einer neuen Midgrade-Blüte recht tatenlos zusehen. Einerseits hat das qualitative Gründe; denn die preiswerteren Handmades aus hiesigen Gefilden halten den Vergleich mit Cavicchi oder Le Nuvole nur selten stand. Und andererseits ist es ein kulturelles Thema: Das deutsche Mittelfeld existiert nämlich eigentlich nicht, ist jedenfalls keine Umgebung, die ein passionierter Hersteller freiwillig und selbstbewusst aufsucht. Zwangsläufig passiert man sie vielmehr im Aufstieg oder wird - eine Niederlage, so scheint es - vom Markt dorthin verwiesen. Fast alle neueren Carver aus Deutschland treten mit Highgrade-Ambitionen an und bekunden sie auch mehr oder minder offen. Erfahrungsgemäß verschwinden viele wieder, wenn ihnen höchste Anerkennung versagt bleibt. So wäre jede Auflistung einer deutschen Midgrade-Riege allenfalls eine Momentaufnahme. Es finden sich darin nur wenige 'Bekennende', die bei entsprechender Qualität auf Dauer im erschwinglichen Segment operieren wollen. Ganz oben sehen wir in der Gestalt Paul Beckers einen Lichtblick. Werner Mummert und Peter Klein erfüllen die Kriterien ebenfalls. Anständige Pfeifen liefern auch Macher wie Roland Schwarz, Tom Mehret und die Brandts. Die gesamte Produktionsmenge dieser akzeptablen Carver reicht aber gerade, es satt mit einem einzigen Italiener aufzunehmen, - und vieles, das sich ansonsten auf Ebay oder anderswo tummelt, sollte nördlich und südlich der Landesgrenzen vor Scham im Koffer bleiben. Es ist schon merkwürdig, welche unregelmäßigen Knüppel ausgerechnet beim angeblich so pingeligen deutschen Käufer Gnade finden. Am Ende ist's wohl vorrangig eine infrastrukturelle Angelegenheit. Von den Erfolgschancen der Highgrade-Aspiranten einmal abgesehen: Wer die Gründe des scheinbar falschen Ehrgeizes sucht, braucht keineswegs die eitlen Psychen der Kreativen zu durchleuchten. Vielmehr geht es vor allem um Lebensmodelle. Dauerhaft in die Mittelklasse relegiert, verpufft für viele der hiesigen Seiteneinsteiger der Traum vom Ausstieg aus der bisherigen Berufseinöde. Es entfällt damit ein Hauptmotiv der ganzen Mühen. Moderate Preise sorgen nämlich nur bei hoher Produktion für den Lebensunterhalt - eine italienische One-man-show verzeichnet immerhin Stückzahlen von 1000+ pro Jahr. Vor einiger Zeit lieferte Cornelius Mänz in einem Pfeifenbox-Interview eine sehr einleuchtende und prosaische Erklärung für das Fehlen des deutschen Mittelfelds: "Um von der 'Mittelklasse'-Pfeife leben zu können, muss man viele machen. Dazu muss man schnell und versiert sein. Wo kann ich so was lernen? In Fabriken und Manufakturen. Die wiederum haben ihre Heimat in Italien und Dänemark. In Deutschland gab und gibt es so etwas nicht." Serien-Barbi Wenn verstärkt Klasse jenseits der Masse, aber auch diesseits der Sammlerschwelle gesucht wird, könnte ein deutscher Beitrag daher eher in der besseren Serienpfeife liegen. Vorbild wäre der Däne Former mit seinen Bentleys. Seit längerem kursieren Vermutungen, dass Rainer Barbi in diesem Segment aktiv werden dürfte. Er selbst bestätigte ja Ende letzten Jahres in der Pfeifenbox derlei Ideen: "So läuft denn auch meine Zukunftsorientierung auf die seriell erstellte Barbi hinaus, welche die gleichen maximalen Anforderungen erfüllt, die eine Barbi-High-End heute hat, allerdings mit dem Abstrich der Rarität. Ziel ist hier Genuss, Berechenbarkeit, Wertbestand und Verarbeitung auf höchstem Niveau zu einem moderaten Preis." Freilich gehört zum Aufbau einer gehobenen 'Fabrikmarke' ein erlesener Ruf - Barbi hat ihn und will ihn nutzen. Von ähnlich Arrivierten wie Mänz, Wolfgang Becker oder Joura ist das zurzeit schwer vorstellbar. Die Umsetzung solcher Projekte erfordert überdies einen bestimmten unternehmerischen Charaktertyp, den Willen zum dauerhaften Engagement auch abseits der Schleifscheibe. Keine Lösung dürfte es beispielsweise sein, einer neuen Marke nur namens- und formenspendend Pate zu stehen. Das ergäbe am Ende wenig mehr als die 'Designed-by'-Offensiven mancher Großproduzenten. Überhaupt ist zu überlegen, ob das Konsumprodukt denselben Namen tragen kann wie die Unikate aus gleichem Hause. Eben weil eine Neutaufe nach Bentley-Vorbild angeraten erscheint, kann die Assoziation mit dem berühmten Hersteller nur darüber erfolgen, dass der Kunde um die reale, tagtägliche Verbundenheit des Machers mit dieser Zweitmarke weiß. Sie darf dann natürlich kein Stiefkind sein. Es kann durchaus sein, dass Barbi mit seiner Serienvision Erfolg hat und Zeichen setzt. Niemand eignet sich dazu besser, schon aufgrund seiner kommunikativen Stärken. Wie immer in seiner Karriere dürfte er dann Jünger und Nachahmer finden. Deutschland als Heimat der Nobelserien? Das wäre aus heutiger Sicht schon eine recht kühne Prophezeiung, aber irgendwann... Bis dahin bestimmen nur wenige sagenhafte Highgrader weiterhin den Weltruf der deutschen Pipe, und der befreiende Vorstoß ins Mittelfeld lässt auf sich warten. Der Notendurchschnitt ist unbestritten hoch, wenn die Elite unter sich weilt. Was damit freilich einhergeht: Die Pfeifemacherei bleibt hierzulande vorerst eine Marginalie. |
|
|
(9. Mai 2004) |
||
© 2004 und ViSdP: Martin Farrent